Meditation ist im Buddhismus eines der wesentlichen Mittel, das existentielle Leid zu überwinden und vollständige Freiheit zu erlangen. Unter dem Begriff Meditation werden die unterschiedlichsten Methoden zusammengefasst. Chögyal Namkhai Norbu unterscheidet zwischen Meditation und Kontemplation. Als Meditation wird jegliche Praxis verstanden, in der der Geist in einer ausführenden, kontrollierenden oder beobachtenden Funktion fungiert. Kontemplation ist jenseits von Absicht und Bemühung, der oder die Übende entspannen in der Präsenz des nackten Seins des Augenblicks.

„Die letztendliche Essenz der Atiyoga-Praxis besteht darin, fest im Zustand beständiger Kontemplation zu verweilen. Damit jedoch wirklich Kontemplation in uns entstehen kann, ist es für den Übenden zuerst einmal wichtig, den [gewöhnlichen] Geist vom Zustand des reinen unmittelbaren Gegenwärtig-Seins oder Rigpa zu unterscheiden (...).“ Chögyal Namkhai Norbu: Die Kostbare Vase, S.251

Die Funktion des Guru oder Meisters ist, uns in die Natur des Geistes einzuführen, in seine Fähigkeit zur Gegenwärtigkeit und zum Gewahrsein (rig-pa). In diesen Zustand von unmittelbarem Gewahrsein zu sein, heißt Kontemplation (ting-nge 'dzin, Skt. samadhi). Kontemplation muss klar von Meditation (sgom-pa) unterschieden werden. Unmittelbares Gewahrsein ist jenseits und außerhalb bedingter Existenz und zeitlicher Prozesse; es ist jenseits des Geistes, wohingegen Meditation das Arbeiten des Geistes mit einschließt. Daher ist sie bedingt und ereignet sich in der Zeit. Der Meister führt uns zuerst ein, indem er uns unmittelbar erfahren lässt, was Geist und was die Natur des Geistes ist. Es gibt viele Methoden, die uns helfen, diese Unterscheidung zu konkretisieren. Diese sind als Khorde Rushan ('khor 'das ru-shan) bekannt, d.h. zwischen Samsara ('khor) und Nirvana ('das) zu unterscheiden. Chögyal Namkhai Norbu: „Der Zyklus von Tag und Nacht“, S.19


„Wir leben in Illusion. Wie Buddha sagte, alles ist Illusion, alles ist irreal. Wir glauben immer an Dinge und erzeugen auf diese Weise viele Probleme. Wenn wir auch nur ein bisschen begriffen hätten, würde als erstes unser Anhaften abnehmen und daraufhin auch alle Probleme, die von Anspannung herrühren: Zumindest wäre es auf diese Weise einfacher, in der Gesellschaft zu leben. Da aber unser Zustand nicht so ist, bedeutet das, dass wir noch völlig von Illusion geprägt sind ... Was heißt das? Ein guter Dzogchen-Praktizierender muss das ganze Dasein, alle Lebensumstände, in die Kontemplation integrieren. Wir müssen nicht nur, wenn wir in der Gönpa [Meditationsraum] sind, in Kontemplation sein, oder wenn wir meditieren, sondern auch, wenn wir auf die Toilette gehen oder bei der Arbeit im Büro, weil unser Bewusstsein und unser Dasein die ganze Zeit über fortbestehen. Wenn wir das nicht können, werden wir nie wirklich realisiert sein oder unser Karma reinigen können. Denn wenn wir abgelenkt sind, werden wir fortwährend negatives Karma schaffen, eine kleine Praxis wird das nie ausgleichen oder gewohnheitsgemäß ausgeführte negative Handlungen bereinigen können.? Im Tibetischen wird ein guter Dzogchen-Praktizierender Tingdzin Khoryug Chenpo genannt. Tingdzin heißt Kontemplation, Khoryug Chenpo heißt völlig integriert in allen Lebensumständen, vom Aufwachen am Morgen bis zum folgenden Morgen. Alles muss in die Kontemplation einbezogen sein und so ist es nicht länger nötig, Thuns zu machen. Beim Thun sitzen die Leute in der richtigen Haltung, mehr oder weniger, machen die Visualisierung, tun ihr Bestes, doch sobald sie damit fertig sind, legen sie sich hin wie wilde Tiere und sagen: „Ach, hat mich das müde gemacht!“ Und dann denken sie, dass alles vorüber ist und sind völlig abgelenkt. Was können wir in so kurzer Zeit erreichen? Es ist besser, als gar nichts zu tun. Besser aber noch ist es, sich eher am Tingdzin Korgyug Chenpo zu orientieren als am Thun, und zu versuchen, so viel wie möglich zu integrieren. Die Dzogchen-Lehre erklärt immer, wie man integriert.“ Chögyal Namkhai Norbu: „Semde-Unterweisungen von Sogdogpa Lodrö Gyaltsen"“ S.251